30 YEARS OF INNOVATION

Interview mit Dr.-Ing. Alexander Schmidt

Herr Schmidt, Sie werden doch sicher oft gefragt: Was bedeutet eigentlich IPG?

Das war eine Abkürzung, die interessanterweise unsere Kunden „erfunden“ haben, da ihnen der eigentliche Name zu lang war. Im Juli 1984 haben wir die „Ingenieurgemeinschaft Prof. Dr.-Ing. R. Gnadler GmbH“ gegründet, aber nach kurzer Zeit haben alle nur noch IPG gesagt. Im Jahr 1997 haben wir uns in IPG Automotive Software Engineering und Consulting GmbH umbenannt, später aber gemerkt, dass das viel zu lang ist. Im Jahr 2003 wurden wir dann zur IPG Automotive GmbH.

 

Woher kam Ihre Begeisterung für das Automobil?

Angefangen hat es an der Universität. Ich habe Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Fahrzeugtechnik an der TU Karlsruhe studiert und mich von Anfang an besonders für die Simulation und ihre Möglichkeiten interessiert. In dem Bereich war ich mehrere Jahre an der Universität als Assistent beschäftigt.

 

Aus welchen Gründen wurde dann IPG Automotive gegründet?

Der Bedarf im Bereich Fahrdynamiksimulation war schlichtweg da. Die Stelle an der Universität war befristet, der damalige Projektpartner Daimler wollte jedoch auch nach Projektende mit den gleichen Personen zusammenarbeiten. Daher gründete Professor Dr.-Ing. Rolf Gnadler gemeinsam mit meinem Kollegen Dr.-Ing. Andreas Riedel und mir die Ingenieurgemeinschaft, die zur heutigen IPG Automotive GmbH geworden ist.

 

 

 

War der Weg in die Selbstständigkeit für Sie ein großer Schritt?

Mein Großvater und mein Vater hatten eine eigene Schreinerei, wodurch ich mit der Selbstständigkeit groß geworden bin und sie gewohnt war. Als sich dann die Gelegenheit ergeben hat, ein Unternehmen zu gründen, habe ich das als eine Chance gesehen, die so schnell vielleicht nicht wiederkommt, und es einfach gewagt.

 

Was waren die ersten Tätigkeiten in der Firma?

Anfangs bestand die Haupttätigkeit aus Entwicklungsprojekten, wir haben direkt bei der Fahrwerksentwicklung von Nutzfahrzeugen und PKW mitgeholfen. Der erste große Kunde war Daimler, eben durch die Weiterführung der Aktivitäten von der Universität. Für das Projekt mit dem Namen FADYNA, das im Übrigen bis 2003 lief, haben wir für alle Nutzfahrzeuge eine umfassende Modellbibliothek erstellt. Außerdem habe ich das erste IPGCar aufgebaut, wir haben Fahrdynamik- und Schwingungsanalysen durchgeführt… da könnte ich zahllose Beispiele aufzählen. Sehr früh haben wir uns mit dem Thema Echtzeitsimulation befasst. Damals hat sich alles Schritt für Schritt entwickelt und wir sind eine Herausforderung nach der nächsten angegangen.

 

Die Arbeitsbedingungen haben sich im Laufe der Zeit sehr stark verändert – erinnern Sie sich an etwas Bestimmtes, das Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Aber ja! Es gab anfangs bei uns nur einen Rechner mit mehreren Terminals, die HP 1000-A700. Heute kaum vorstellbar, aber wir hatten nur eine Festplatte mit 70 MB für die ganze Firma.

 

Wie würden Sie die Entwicklung von IPG Automotive im Laufe der Jahre beschreiben?

Wir haben uns immer vorwärts bewegt und uns mit neuen Technologien beschäftigt. In der Automobilindustrie haben wir teilweise Dinge vorgestellt, von denen die Leute noch nichts gehört hatten. Nach der anfänglich reinen Entwicklungsarbeit erkannten wir die Notwendigkeit eigener Produkte. Unsere ersten Eigenproduktionen waren IPGTire und IPGDriver. 1989 gab es bereits den ersten Hardware-in-the-Loop Prüfstand und ich kann mit Stolz behaupten, dass wir zu den Pionieren der HIL-Methode und der Fahrdynamiksimulation gehören.

 

Welche Herausforderungen sind Ihnen auf Ihrem Weg begegnet?

Am Anfang war in erster Linie neu, wie man eine Firma leitet und Aufträge sowohl akquiriert als auch reibungslos abwickelt, all das mussten wir erst lernen. Wie erwähnt war vor allem der Wandel von einer reinen Engineering-Firma zu einem Unternehmen mit eigenen Softwareprodukten eine Herausforderung. Wir haben zum Glück jedoch früh erkannt, wie wichtig die Echtzeitsimulation einmal werden wird. Daher folgte auf die ersten beiden Generationen der Simulationssoftware mit dem Release 1.1 Ende der 1990er Jahre die Version, die erstmals als CarMaker benannt war. Im Vorfeld standen wir vor der großen Entscheidung, auf den vorherigen Versionen aufzubauen oder alles Bekannte außen vor zu lassen und CarMaker völlig neu aufzusetzen. Wir haben uns für letztere Variante entschieden und festgestellt, dass dies das einzig Richtige war. Mit einer verbesserten Bedienoberfläche und neuen Animationen konnten wir die Bedürfnisse unserer Kunden noch besser erfüllen und mit weiteren Produkten auf dieser Entwicklung aufbauen.

 

Was schätzen die Kunden Ihrer Meinung nach an IPG Automotive besonders?

Ganz entscheidend ist natürlich die Technologie. Wir stehen aber auch für absolute Zuverlässigkeit und Qualität. Ich kann mich an kein Projekt erinnern, welches trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten am Ende nicht doch erfolgreich war. Kunden haben mir außerdem schon gesagt, dass sie fühlen, dass IPG eine große Familie ist. Sie spüren den Zusammenhalt und die große Hilfsbereitschaft, das merkt man einfach im Laufe einer langen Zusammenarbeit.

Gibt es Dinge, die nicht wie geplant verlaufen sind?

Natürlich gab es die, damals wie heute. Im Leben geht es schließlich nicht immer geradeaus. Wie bei allen Unternehmen gab es auch bei uns gelegentlich Rückschläge, wichtig ist jedoch, dass wir technologisch immer führend waren und die Qualität der Arbeit gewährleisten konnten. Das hat uns schließlich all die Jahre ausgemacht und dazu geführt, dass wir in diesem Jahr unser 30-jähriges Jubiläum begehen können.

 

Wo sehen Sie IPG Automotive in den kommenden Jahren? Welche Herausforderungen und Möglichkeiten erwarten Sie?

Bereits vor 20 Jahren habe ich gesagt, der Markt ist viel größer als das, was wir heute sehen. Der Automobilbereich und insbesondere die Fahrerassistenzsysteme haben sich in einer Geschwindigkeit entwickelt, die früher keiner ahnen konnte. Ich sehe so viele Anwendungsmöglichkeiten für unsere Produkte und Prüfstände, bei denen man CarMaker ankoppeln kann. Dabei ist die Weiterentwicklung in vollem Gange und wird sicher weiter neue Möglichkeiten eröffnen, an die wir heute noch nicht denken. Eines bleibt jedoch immer gleich: Unsere Mission ist es, Kunden mit dem virtuellen Fahrversuch im Entwicklungsprozess ihrer Fahrzeuge zu unterstützen.

 

Welche Trends sehen Sie denn für zukünftige Automobile?

Ganz klar werden die teilautonomen bzw. mitunter sogar autonomen Fahrfunktionen ausgebaut und weiterentwickelt. Dabei wird der Test- und Absicherungsaufwand so groß werden, dass man gar nicht mehr anders kann als einen Großteil der Entwicklungsarbeit mit dem virtuellen Fahrversuch abzudecken.

 

Noch einmal zurück zum Arbeiten im Unternehmen: Wie würden Sie den Geist von IPG Automotive beschreiben?

Ich empfinde die Mitarbeiter bei IPG Automotive als eine große Gemeinschaft, in der sich jeder gegenseitig hilft. Außerdem sind die Ideen unserer Mitarbeiter das, was uns voran bringt. Wir haben für jeden ein offenes Ohr und freuen uns, wenn sie mit ihren Vorschlägen die Firma aktiv mit gestalten. Diese Mentalität hat man auch gerade wieder bei unserem diesjährigen Open House gespürt, jeder trägt zum Erfolg bei.

 

Apropos Open House, seit wann und aus welchem Grund gibt es das?

Das Open House ist seit 2005 eine Plattform, um mit unseren Kunden und Anwendern, aber auch allen Interessierten, ins Gespräch zu kommen. Wir stellen neue Features vor und diskutieren, in welche Richtung die Entwicklung von CarMaker weitergetrieben werden soll. Entstanden ist die Veranstaltung auf Anregung eines Kunden, der damals sagte: „Wir brauchen eine Community.“ Im ersten Jahr waren gerade einmal 15 Besucher da, was sich jedes Jahr gesteigert hat bis hin zu 280 Besuchern beim diesjährigen Open House. Das zeigt uns, dass es immer mehr Leute gibt, die sich mit dem virtuellen Fahrversuch beschäftigen. Dazu passt unser Slogan „Taking you to the next level“ - mit jedem neuen Level der Kunden erreichen auch wir immer wieder ein neues Level.

 

Was sagen Sie dazu, dass ihr Sohn im letzten Jahr als Geschäftsführer tätig geworden ist?

Ich bin froh, dass es weiter geht mit meinem Lebenswerk IPG Automotive. Daher bin ich sehr stolz und freue mich, dass ich mit verfolgen kann, dass das Unternehmen von meinem Sohn Steffen so gut übernommen wird. Gemeinsam können wir in den nächsten Jahren an den vielen spannenden Themen, die der virtuelle Fahrversuch noch mit sich bringen wird, arbeiten. Da steht auch den nächsten 30 Jahren des Unternehmens nichts mehr im Wege.